Kolumne

Kind der 90er: Zukunftsverdrossenheit oder Futurelove?

In meiner Kolumne teile ich meine Gedanken mit euch – weder mit dem Anspruch auf Korrektheit, noch mit der Erwartung an tiefenpsychologische Weisheiten. Und außen vor nehme ich mich erst recht nicht. Ganz im Gegenteil: Ich bin sowas von ein Teil davon. – Ich

Ich bin eins, ein Kind der 90er. Für sehr sehr viele Menschen waren die 90er Jahre einzigartig schön – so auch für mich. Deutschland hatte sich berappelt und gefühlt wurden weltweite Problemstellungen zufriedenstellend gelöst. Eine gewisse Unbeschwertheit machte sich breit. Eine Leichtigkeit. Vielleicht lag es nur daran, dass ich noch ein Kind war und damit mit keinen sonderlich großen Sorgen konfrontiert war. Frage ich aber meine Eltern, Tanten und Onkel danach, welches Jahrzehnt für sie etwas ganz Besonderes hatte, sind sich alle einig: die 90er. Aber warum war das so und warum haben wir es nicht geschafft, die Sorglosigkeit der 90er mitzunehmen in die 2000?

Vorfreude ist dann doch die schönste Freude

Vielleicht ging es euch genauso. Als Kind mit Mama, Papa und Schwester „Wetten, dass…?“ zu schauen am Samstagabend war für mich das Größte. Mein absolutes Highlight: der Auftritt von Michael Jackson. Noch heute erinnere ich mich an diesen Moment als wäre es gestern gewesen. Wenn ich versuche einen ähnlichen Moment in den letzten 15 Jahren zu finden, fallen mir viele schöne Momente ein, aber wenige, die eine dermaßen krasse Intensität vorweisen können. Aber warum ist das so? Laut meiner Schwester – sie ist Psychologin – liegt es daran, dass wir heute alles immer haben können. Du willst Michael Jackson sehen? Dann geh zu YouTube. Du hast deine Folge „Verbotene Liebe“ verpasst? Dann wirf einen Blick in die Mediathek. Der Gedanke, alles immer zur Verfügung zu haben, nimmt einem einen gewissen Stress, sorgt jedoch auch dafür, dass Vorfreude nur in Grenzen auftritt und einzigartige Momente rarer werden. Aber vielleicht müssen wir auch genau diese Situation erleben, um uns wieder darauf zu besinnen, wie schön es sein kann, auf etwas zu warten und die Tage bis zu dem Ereignis zu zählen.

Nostalgie vs. Zukunftsliebe

In dem Titel dieses Artikels stelle ich zur Diskussion, ob sich die Kinder der 90er eher mit dem Begriff „Zukunftsverdrossenheit“ – vielleicht auch eine gewisse Art von Sehnsucht –  oder „Futurelove“ identifizieren können. Ich bin ein Mensch, der ungern zurückschaut – außer natürlich zu den schönen Momenten -, der sehr zukunftsorientiert agiert. Für mich bedeutet Zukunft Weiterentwicklung, neue Möglichkeiten. Meine Schwester sehnt sich nach den vergangenen Tagen als eloquente Fussballer noch eine Seltenheit war und nicht jeder Olympionike dieselbe Leier abgespult hat. Für sie fehlen die Charakterköpfe. Eine breite Masse, die mithilfe von Medientrainings, gelernt hat sich einigermaßen eloquent zu äußern – „der IQ ist aber geblieben“, sagt sie. Ich bin ein großer Fan der Deutschen Nationalmannschaft und finde es toll, mit welchen Jungs heutzutage in der Deutschen Elf Fussball gespielt wird. Beides irgendwie verständlich denke ich.

Der Mensch als Optimierungskünstler

In den 90ern war einiges noch nicht perfekt. Die Züge brauchten länger. Das Internet war eine seltene Kostbarkeit. Die einzige Möglichkeit, deinen Lieblingssong on repeat zu hören, bestand darin, dir das Album oder die Single zu kaufen. Der Autoatlas diente als Navi. Aber war das alles wirklich schöner als heute? Ist es schön zwei Stunden herumzuirren, weil die Infrastruktur vor Erstellung des Atlasses eine andere war als vier Jahre später? Ist es nicht toll, wenn du deinen Lieblingssong egal wann und wo hören kannst – und das vielleicht sogar kostenlos? Wäre der Mensch da, wo er jetzt ist – auch wissenschaftlich und medizinisch gesehen – hätte er dem Drang zur Optimierung nicht nachgegeben? Es scheint ein schmaler Grad zu sein zwischen sinnvoller und sinnloser Optimierung.

Du kennst das Gefühl der Nostalgie oder kannst die nächste Innovation gar nicht mehr abwarten? Dann freue ich mich über einen Kommentar von dir. 🙂

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